Geschichten...
...die das Leben schreibt.
Tja, alle Liebesgeschichten sind irgendwie rührend, und alle haben irgendeinen Anfang. Das heißt, die meisten haben einen. Es soll zwar Leute geben, die sich infolge von Alkoholeinfluß nicht mehr an alles erinnern können, aber das ist eine andere Sache...
Meine ganz persönliche Liebesgeschichten beginnt vor nicht ganz einem halben Jahr, auf einem Sprachwettbewerb im fernen Potsdam. Wie so oft treffen sich zwei Leute, die vorher eigentlich völlig ahnungslos sind. Kann denn ich wissen, dass ich da am ersten Dezemberwochenende einen Jungen treffen soll, der sich ganz still und mit einem scheuen Lächeln und einem Blick aus großen braunen Augen in mein Herz schleicht? Es klingt nach einer Geschichte, und danach, dass ich rückblickend alles verkläre, aber wir haben uns wirklich auf Anhieb gut verstanden, ein Gefühl von gleicher Wellenlänge.
Wenn ich die Augen zumache, dann kommen mir Bilder in den Kopf, wie er und ich in einem Einkaufszentrum auf einem kleinen Mäuerchen sitzen und uns über schwarze Kerzen unterhalten, wie ich angenehm verblüfft feststelle, dass er Ahnung von Marx`Theorien hat, wie wir auf einer Fensterbank gemeinsam Walkman hören, weil wir die Musik drinnen beide nicht mehr ausgehalten haben; und wie wir abends vom Bus aus in die Unterkunft gehen und er auf einmal im Schneetreiben, unter den schwarzen Ästen kahler Bäume, mit einem umwerfend nachdenklichen und verträumten Blick zu mir sagt: "Weißt Du, dass Dein Name sich auf nichts reimt?"
Am gleichen Abend, dem letzten, den wir in Potsdam verbringen, sinken wir uns schließlich doch noch in die Arme, ganz sanft, und verbringen den Rest der Nacht in einem endlosen, träumerischen Kuss, und erst am Morgen werden wir auseinandergerissen - durch die Notwendigkeit des Nachhausefahrens. Ich muss wieder zurück nach Düsseldorf und er nach Celle bei Hannover. Ach, verdammt, ich hasse Abschiede! Er verspricht, mir zu schreiben, und schenkt mir seinen Schülerausweis vom letzten Jahr, mit Foto.
Das war der Sonntagmorgen; die ersten Tage der Woche wandele ich zwar mit offenen Augen, aber abwesenden Gedanken durchs Leben. Am Mittwoch habe ich durch einen glücklichen Zufall komplett schulfrei und setze mich in mein Lieblingscafe in der Altstadt; und weil ich mit den Gedanken sowieso die ganze Zeit bei ihm bin, fange ich schon mal damit an, ihm zu schreiben. Verrückt, dass man jemanden so vermissen kann, den man erst ca. vier Tage kennt! Als ich nachhause kommen, finde ich einen total lieben und süßen Brief von ihm vor, und schlagartig geht es mir gut. Er macht sich Gedanken über Gegenwart und Zukunft..."ich hab nämlich Hemmungen, einfach zu sagen, wir sind jetzt zusammen, und dann läuft Dir irgendsoein Traumtyp über den Weg, und Du ergreifst meinetwegen nicht Deine Chance. Dass mir so was nicht passieren wird, weiß ich jetzt schon. Du warst ein absoluter Glückstreffer."
Tja, das mit dem Glückstreffer beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Ich kenne mich inzwischen recht gut und wollte erst mal abwarten, ob ich in einer Woche immer noch genauso verliebt bin wie am Anfang. Aber das Gefühl blieb und ließ sich durch nichts trüben, so dass ich in den Weihnachtsferien für ein paar Tage zu ihm gefahren bin. Natürlich hatte ich ein kleines Kribbeln im Bauch: Ist es noch genau wie vor einem Monat, oder haben wir uns beide geirrt? - Nein, wir hatten uns nicht getäuscht.
Und seither sehen wir uns ungefähr einmal im Monat, seither ist unsere Telefonrechnung um ca. 50DM gestiegen, und es ist kein Ende abzusehen. In den Sommerferien fahren wir zusammen zwei Wochen weg, im Oktober mache ich meinen Führerschein, und nächstes Jahr bin ich mit dem Abi fertig. Sicher ist eine Beziehung über 300km nicht immer einfach, und manche Dinge muss man einfach anders handhaben. Und ganz sicher sitze ich manchmal auf meinem Sofa und verfluche diese dreihundert Kilometer, oder liege auf meinem Bett und wünsche mir verzweifelt, meinen Liebsten bei mir zu haben. Aber um nichts in der Welt möchte ich die Augenblicke missen, wenn wir uns am Bahnhof endlich in den Armen liegen; oder wenn ich ihn nach einer Nacht frage, warum er so müde ist, und dann als verlegene Antwort bekomme "Na ja, ich hab Dich die ganze Nacht angeguckt..." Diese Beziehung ist auf sehr vielen Träumen aufgebaut, sie lebt davon. Aber wir glauben beide daran, dass es irgendwann keine Abschiede mehr gibt. Und wenn es soweit ist, dann verspreche ich, eine virtuelle Postkarte an die Zickenpost oder wohin auch immer zu schicken, um auch anderen zu zeigen, dass Fernbeziehungen auch ein Happy End haben können.
von Valeska
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