Am Anfang des Lebens



Christina ist tot. Diese Meldung ging letzte Woche durch die deutschen Medien; in diesem Jahr ist es schon die dritte oder vierte Meldung dieser Art. Die Elfjährige aus dem sächsischen Doberstau wollte nur ihren kleinen Bruder vom Kindergarten im Nachbardorf abholen, aber auf dem Weg dahin wurde sie vermutlich von ihrem Nachbarsjungen missbraucht und danach umgebracht.

Wie gesagt, das ist nicht der erste Vorfall in diesem Jahr, aber die Meldung der letzten Woche ist mir besonders unter die Haut gegangen. Der Nachbarsjunge, der die Ermordung von Christina bereits gestanden hat, ist erst sechzehn Jahre alt. Einige Wochen vor der Tat soll er in seinem Freundeskreis schon angekündigt haben: "Demnächst missbrauche ich auch mal ein Mädchen". Diese Ankündigung klingt danach, als sei es ein Sport, über junge Mädchen herzufallen, die sich in den allermeisten Fällen nicht wehren können oder sich nicht trauen, sich mit aller Kraft zu wehren.

Aber nicht nur das Alter des Täters hat mich so erschreckt, es war auch die Art und Weise, wie er Christina umgebracht hat, nämlich durch Erdrosseln. Einen Menschen zu töten, kann ja manchmal schnell gehen, und selbst die Skinheads, die ein Asylbewerberheim in Brand stecken, haben Abstand zu ihren Opfern. Aber dieser Junge hat die Elfjährige selbst, mit seinen eigenen Händen umgebracht – ein Tod, der sehr langsam eintritt, eine Methode, die sehr lange dauert. Während dieser Zeit hätte der Sechzehnjährige sich mehrfach darüber klar werden können, was er da gerade tut. Was geht wohl in dem Kopf eines Jungen vor, der sein Nachbarmädchen erst sexuell missbraucht und dann ziemlich kaltblütig umbringt? Vor allen Dingen, was hat ihn dazu gebracht?

Ich will jetzt nicht die Hetzjagd auf diesen Jungen eröffnen, und ich denke auch nicht, dass die Einführung der Todesstrafe in Deutschland eine Lösung wäre. So wie ein einzelner nicht das Recht hat, einem anderen das Leben zu nehmen, so hat auch der Staat nicht das Recht, jemanden zu töten. Aber ich würde diesen Jungen gerne solange fragen, warum er das getan hat, bis er sich bewusst geworden ist, was da eigentlich passiert ist. Es scheint immer noch die Meinung zu existieren, dass Männer sich von Frauen oder Mädchen nehmen können, was sie wollen – ob es den Betroffenen nun recht ist oder nicht. Diese Einstellung muss sich endlich ändern, damit solche Vorfälle eines Tages nicht mehr geschehen. Christina war erst am Anfang ihres Lebens.


Valeska